Laborwert

IGF-1 im Blut: Normalwert, zu hoch, zu niedrig erklärt

Ein Kind wächst seit zwei Jahren langsamer als die Gleichaltrigen, die Schuhgröße bleibt stehen. Oder eine Frau Mitte vierzig merkt, dass der Ehering nicht mehr passt und die Gesichtszüge gröber wirken. In beiden Fällen landet oft derselbe Wert auf dem Laborzettel: IGF-1. Er wird bestimmt, wenn der Verdacht besteht, dass die Hirnanhangsdrüse zu wenig oder zu viel Wachstumshormon abgibt. Das Wachstumshormon selbst wird stoßweise ausgeschüttet; ein Einzelwert sagt wenig. IGF-1 bleibt über den Tag stabil und spiegelt die mittlere Hormonwirkung. Was der Wert nicht kann: allein eine Diagnose liefern. Alter, Pubertät, Ernährung, Leber und Schilddrüse verschieben ihn, und jedes Labor hat eigene Bereiche. Entscheidend ist der Vergleich mit dem altersgerechten Referenzbereich.

Was ist IGF-1 im Blut?

IGF-1 steht für Insulin-like Growth Factor 1, ein Eiweißhormon, das dem Insulin strukturell ähnelt. Der ältere Name lautet Somatomedin C. Gebildet wird es vor allem in der Leber, sobald das Wachstumshormon (GH) aus der Hirnanhangsdrüse dort ankommt; kleinere Mengen entstehen in Knochen, Muskel, Fettgewebe und Niere. Über IGF-1 entfaltet das Wachstumshormon einen großen Teil seiner Wirkung auf Längenwachstum, Knochenaufbau, Muskelmasse und Stoffwechsel. Im Blut liegt IGF-1 fast vollständig an Bindungsproteine gekoppelt vor, vor allem an IGFBP-3; nur rund ein Prozent zirkuliert frei. Diese Bindung verlängert die Verweildauer im Blut und glättet die Schwankungen des stoßweise freigesetzten Wachstumshormons. Gemessen wird Gesamt-IGF-1 im Serum mit einem Immunoassay, angegeben in ng/ml (gleichbedeutend mit µg/l). Der Test beantwortet eine Frage: Wie viel Wachstumshormon-Wirkung kommt im Körper an? Er dient als Suchtest bei Verdacht auf Wachstumshormonmangel oder -überschuss, zur Verlaufskontrolle unter Behandlung und zur Einordnung von Wachstumsstörungen bei Kindern.

Bedeutung im Stoffwechsel

Der Regelkreis beginnt im Hypothalamus. GHRH regt die Hirnanhangsdrüse zur Abgabe von Wachstumshormon an, Somatostatin bremst sie. Das Wachstumshormon treibt in der Leber die IGF-1-Bildung an, und IGF-1 meldet über eine negative Rückkopplung zurück: Ist genug da, sinkt die Ausschüttung. IGF-1 fördert die Vermehrung von Knorpelzellen in den Wachstumsfugen, die Teilung von Knochenzellen und den Aufbau von Matrixproteinen; es wirkt zudem insulinähnlich auf den Zuckerstoffwechsel. Der Spiegel ist im Leben nicht konstant: niedrig im Säuglingsalter, Gipfel in der Pubertät, danach stetiger Abfall. Schilddrüsenhormone und Insulin werden für eine normale Bildung gebraucht, Östrogene in Tablettenform dämpfen die Leberantwort, und in der zweiten Schwangerschaftshälfte steigt IGF-1 durch das Wachstumshormon der Plazenta an.

Referenzbereich

GruppeBereichEinheit
Erwachsene bis etwa 55 Jahre125 – 460ng/ml
Jugendliche 11 bis 16 Jahre250 – 1.100ng/ml
Kinder vor der Pubertätaltersabhängig, deutlich niedriger als in der Pubertätng/ml
Erwachsene über 55 Jahreniedriger als bei jüngeren Erwachsenen, sinkt mit dem Alter weiterng/ml
Schwangerschaftphysiologisch erhöht, vor allem in der zweiten Hälfteng/ml

Methode & Variabilität: Erwachsene bis etwa 55 Jahre: Immunoassay, Serum; Stark alters- und methodenabhängig; der Bereich des eigenen Labors ist maßgeblich, Angaben zwischen Laboren weichen deutlich voneinander ab · Jugendliche 11 bis 16 Jahre: Immunoassay, Serum; Pubertätsgipfel; Beurteilung besser nach Pubertätsstadium und Knochenalter als nach Lebensalter · Kinder vor der Pubertät: Immunoassay, Serum; Bewertung über alters- und geschlechtsbezogene Perzentilen (SDS); Im Säuglings- und Kleinkindalter trennt der Wert normal und zu niedrig nicht zuverlässig; Mangelernährung senkt ihn · Erwachsene über 55 Jahre: Immunoassay, Serum; altersbezogener Referenzbereich des Labors; Zahlenangaben zur Obergrenze unterscheiden sich je nach Assay erheblich · Schwangerschaft: Immunoassay, Serum; Anstieg durch Wachstumshormon der Plazenta; Werte nicht mit den Bereichen Nichtschwangerer vergleichbar

Quellen zu diesen Werten: siehe Abschnitt Quellen. Labore verwenden teils abweichende Bereiche; maßgeblich ist Ihr Befund.

Was kann ein erhöhter IGF-1 im Blut-Wert bedeuten?

Häufige Ursachen

  • Ein Wachstumshormon-Überschuss, meist durch ein gutartiges Adenom der Hirnanhangsdrüse: vor Abschluss des Längenwachstums Riesenwuchs, bei Erwachsenen Akromegalie. IGF-1 ist dann deutlich erhöht und der wichtigste Suchwert.
  • Pubertät und Wachstumsschübe: In diesen Jahren liegt IGF-1 physiologisch am höchsten. Wird ein Jugendlicher mit Erwachsenenbereichen verglichen, wirkt der Wert zu hoch, ohne dass etwas vorliegt.
  • Schwangerschaft: Die Plazenta bildet eine eigene Form des Wachstumshormons, IGF-1 steigt in der zweiten Hälfte an und normalisiert sich nach der Geburt.
  • Körpergewicht: Übergewicht wird in Laborquellen als Ursache erhöhter Werte genannt, starke Adipositas kann den Wert aber auch senken. Die Angaben sind uneinheitlich.

Typische Symptome

  • Bei Erwachsenen: größer werdende Hände und Füße, Ringe und Schuhe passen nicht mehr.
  • Vergröberte Gesichtszüge, vorstehender Unterkiefer, Zähne, die nicht mehr richtig aufeinanderpassen.
  • Vermehrtes Schwitzen, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, Schnarchen mit Atempausen.
  • Bei Kindern: ungewöhnlich rasches Längenwachstum.

Abklärung

Ein erhöhtes IGF-1 wird gegen den altersbezogenen Bereich geprüft und meist wiederholt. Bestätigt sich der Befund, folgt üblicherweise die Messung des Wachstumshormons nach Glukosebelastung: Bei Gesunden fällt es unter etwa 1 µg/l, bei Akromegalie bleibt es hoch. Danach kommt die Bildgebung der Hirnanhangsdrüse ins Spiel. Beide Werte werden gemeinsam gelesen; Schwangerschaft oder Pubertät erklären eine Erhöhung ohne Erkrankung. Warnzeichen, die sofortige Hilfe brauchen: plötzlich einsetzender, heftigster Kopfschmerz mit Sehstörung, Doppelbildern oder Bewusstseinsstörung. Dann Notruf 144 oder 112.

Was kann ein niedriger IGF-1 im Blut-Wert bedeuten?

Häufige Ursachen

  • Wachstumshormonmangel durch eine Störung der Hirnanhangsdrüse oder des Hypothalamus, angeboren oder erworben, etwa nach Tumor, Bestrahlung oder Schädel-Hirn-Verletzung.
  • Mangelernährung, längeres Fasten, Essstörungen und Aufnahmestörungen im Darm: Ohne ausreichende Energie- und Eiweißzufuhr bildet die Leber weniger IGF-1, obwohl das Wachstumshormon normal oder erhöht ist.
  • Lebererkrankungen, schlecht eingestellter Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion, chronische Entzündungen und Nierenversagen: Hier spricht die Leber schlechter auf das Wachstumshormon an.
  • Östrogene in Tablettenform senken die Antwort der Leber auf das Wachstumshormon und damit IGF-1. Sehr selten liegt eine angeborene Unempfindlichkeit gegen Wachstumshormon vor.

Typische Symptome

  • Bei Kindern: Längenwachstum unter der Norm, verzögertes Knochenalter.
  • Bei Erwachsenen unspezifisch: Müdigkeit, geringere Muskelmasse und Leistungsfähigkeit.
  • Verminderte Knochendichte, mehr Bauchfett, ungünstige Blutfette.
  • Bei Neugeborenen mit Hypophysenstörung können Unterzuckerungen auftreten.

Abklärung

Ein niedriges IGF-1 wird zuerst auf andere Ursachen abgeklopft: Ernährungszustand, Leber- und Nierenwerte, Schilddrüse, Blutzucker, Medikamente. Bei Kindern zählen Wachstumskurve und Knochenalter mehr als die einzelne Zahl; bei Kleinkindern ist der Wert allein kaum verwertbar. Bestätigt sich der Verdacht, folgt ein Stimulationstest des Wachstumshormons, weil zufällige GH-Werte nicht aussagekräftig sind. Bei Verdacht auf eine Hypophysenstörung werden Cortisol und Schilddrüse mitgeprüft. Warnzeichen bei Ausfall mehrerer Hypophysenhormone: Erbrechen, Kreislaufkollaps, Verwirrtheit oder schwere Unterzuckerung. Dann Notruf 144 oder 112.

Verlauf unter Therapie

IGF-1 ist ein träger Wert, und genau das ist sein Vorteil. Gebunden an Transportproteine verweilt es deutlich länger im Blut als das Wachstumshormon, das in Schüben freigesetzt wird und für große Teile des Tages unter der Nachweisgrenze liegt. Ein Einzelwert spiegelt daher die mittlere Hormonwirkung der letzten Zeit, nicht den Moment der Blutabnahme. Veränderungen zeigen sich über Wochen bis Monate. Nach einer Operation an der Hirnanhangsdrüse wird IGF-1 deshalb erst nach einigen Wochen als Erfolgskontrolle herangezogen; die vollständige Normalisierung kann Monate dauern. Unter einer Behandlung mit Wachstumshormon oder mit Medikamenten, die seine Wirkung bremsen, dient IGF-1 als Steuergröße und wird in regelmäßigen Abständen kontrolliert. Wichtig bei jeder Verlaufsmessung: dasselbe Labor, derselbe Test. Zwischen den Verfahren weichen die Obergrenzen so stark ab, dass ein Laborwechsel einen scheinbaren Anstieg oder Abfall vortäuschen kann. Der Trend innerhalb eines Verfahrens zählt.

Präanalytik: was den Wert beeinflusst

Für IGF-1 wird Serum aus einer Venenblutabnahme benötigt. Eine besondere Vorbereitung ist nicht zwingend, weil der Wert im Tagesverlauf wenig schwankt; viele Labore bitten trotzdem um eine Abnahme am Morgen und nüchtern, damit Verlaufswerte vergleichbar bleiben. Wichtiger als die Uhrzeit sind die Begleitumstände der letzten Wochen. Längeres Fasten, eine Diät mit starkem Gewichtsverlust, eine akute schwere Erkrankung oder eine Operation drücken den Wert. Eine schlecht eingestellte Zuckerkrankheit, eine Leber- oder Nierenerkrankung und eine unbehandelte Schilddrüsenunterfunktion tun das ebenfalls. Östrogenhaltige Tabletten senken IGF-1; die Einnahme gehört auf den Anforderungsschein. In der Schwangerschaft gelten die üblichen Bereiche nicht. Bei Kindern gehört das Pubertätsstadium auf den Schein, sonst lässt sich der Wert nicht gegen die richtige Altersgruppe lesen. Für Verlaufskontrollen gilt: gleiches Labor, gleiche Methode.

IGF-1 im Blut: Konstellation mit weiteren Blutwerten

IGF-1 wird fast nie allein gelesen. Das Grundmuster: IGF-1 hoch und Wachstumshormon nach Glukosebelastung nicht unterdrückbar spricht für einen Überschuss aus der Hirnanhangsdrüse. IGF-1 niedrig und Wachstumshormon im Stimulationstest ohne ausreichenden Anstieg passt zu einem Mangel. IGF-1 niedrig bei normalem oder hohem Wachstumshormon lenkt den Blick dagegen auf die Leber: Mangelernährung, Zirrhose, Entzündung, schlecht eingestellter Diabetes oder eine Unempfindlichkeit gegen das Hormon. Weil die Hirnanhangsdrüse mehrere Achsen steuert, gehören bei auffälligem IGF-1 meist TSH und fT4, Cortisol und Prolaktin dazu; ein Adenom kann mehrere Achsen stören. Beim Überschuss werden zusätzlich Blutzucker und HbA1c kontrolliert, weil das Wachstumshormon der Insulinwirkung entgegenwirkt. Ein isoliert auffälliges IGF-1 ohne passende Klinik wird zunächst wiederholt.

  • wachstumshormon — Das übergeordnete Hormon; wegen der stoßweisen Freisetzung nur in Funktionstests aussagekräftig.
  • tsh-wert — Eine Schilddrüsenunterfunktion senkt IGF-1; TSH klärt, ob die Schilddrüsenachse mitbetroffen ist.
  • ft4-wert — Niedriges fT4 bei normalem TSH kann auf eine Hypophysenstörung hinweisen, die auch IGF-1 betrifft.
  • cortisol — Bei Verdacht auf Hypophysenausfall wird die Cortisolachse mitgeprüft; ihr Ausfall ist der gefährlichste.
  • prolaktin — Hypophysenadenome heben Prolaktin oft an; hilft bei der Einordnung eines auffälligen IGF-1.
  • hba1c — Wachstumshormon-Überschuss stört den Zuckerstoffwechsel; HbA1c zeigt die Auswirkung über Wochen.

Wichtiger Einordnungshinweis

Einzelwerte sollten nie isoliert betrachtet werden. Für eine belastbare Einordnung sind Referenzbereich, Verlauf, weitere Laborwerte und die persönliche gesundheitliche Situation entscheidend.

Wann sollte ärztlich abgeklärt werden?

Eine ärztliche Rücksprache ist besonders sinnvoll, wenn Werte deutlich außerhalb des Referenzbereichs liegen, Beschwerden bestehen oder mehrere auffällige Laborparameter gleichzeitig auftreten. Auch unklare oder wiederholt veränderte Verläufe sollten medizinisch eingeordnet werden.

Komplette Blutbefund-Einordnung statt Einzelwert

Wenn Sie Ihren gesamten Befund verständlich einordnen möchten, zeigt die vollständige Einordnung neben Einzelwerten auch mögliche Zusammenhänge zwischen mehreren Parametern.

Zur vollständigen Blutbefund-Einordnung

Häufige Fragen zu IGF-1 im Blut

Was ist der IGF-1 Wert?

IGF-1 ist ein Hormon aus der Leber, dessen Bildung vom Wachstumshormon angestoßen wird. Der Blutwert zeigt, wie viel Wachstumshormon-Wirkung im Körper ankommt.

Welcher IGF-1 Wert ist normal?

Das hängt stark vom Alter ab. Für Erwachsene bis etwa 55 Jahre nennen Nachschlagewerke rund 125 bis 460 ng/ml, Jugendliche liegen deutlich höher, ältere Menschen niedriger. Maßgeblich ist der Bereich auf Ihrem Befund.

Warum ist IGF-1 bei Jugendlichen so hoch?

In der Pubertät erreicht die Wachstumshormon-Achse ihren Höhepunkt, entsprechend steigt IGF-1. Werte, die bei Erwachsenen auffällig wären, sind in dieser Phase normal.

Kann IGF-1 niedrig sein, ohne dass die Hirnanhangsdrüse krank ist?

Ja, häufig. Mangelernährung, Fasten, Lebererkrankungen, schlecht eingestellter Diabetes, Schilddrüsenunterfunktion und Östrogentabletten senken den Wert. Diese Ursachen werden zuerst geprüft.

Reicht ein hoher IGF-1 Wert für die Diagnose Akromegalie?

Nein. Er ist der Suchtest. Zur Bestätigung wird das Wachstumshormon nach Glukosebelastung gemessen und die Hirnanhangsdrüse bildgebend untersucht. Pubertät und Schwangerschaft erhöhen den Wert ohne Erkrankung.

Quellen

  1. Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (gesundheit.gv.at) (2025): IGF-1 (Somatomedin-C) – Laborwerte. https://www.gesundheit.gv.at/labor/laborwerte/hormone-tumormarker/igf-1.html
  2. DocCheck Flexikon (2025): Insulin-like growth factor 1. https://flexikon.doccheck.com/de/IGF-1
  3. MSD Manual Profi-Ausgabe (2025): Gigantismus und Akromegalie. https://www.msdmanuals.com/de/profi/endokrine-und-metabolische-krankheiten/erkrankungen-der-hypophyse/gigantismus-und-akromegalie
  4. MSD Manual Profi-Ausgabe (2024): Wachstumshormonmangel bei Kindern. https://www.msdmanuals.com/de/profi/p%C3%A4diatrie/endokrine-st%C3%B6rungen-bei-kindern/wachstumshormonmangel-bei-kindern
  5. Akirov A, Masri-Iraqi H, Dotan I, Shimon I; J Clin Med (PMC) (2021): The Biochemical Diagnosis of Acromegaly. PMID 33803429. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7967116/
  6. MedlinePlus, U.S. National Library of Medicine (2024): IGF-1 (Insulin-like Growth Factor 1) Test. https://medlineplus.gov/lab-tests/igf-1-insulin-like-growth-factor-1-test/
  7. Labor 28, Berlin (2023): LaborInfo 51: Insulin-Like Growth Factor 1 (IGF-1, Somatomedin C), IGFBP-3. https://www.labor28.de/media/luvfzvkm/51_igf1-igfbp3.pdf
  8. Giustina A, Biermasz N, Casanueva FF et al.; Pituitary (PMC) (2024): Consensus on criteria for acromegaly diagnosis and remission. PMID 37923946. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10837217/