Was ist Wachstumshormon (GH, STH) im Blut?
Wachstumshormon (englisch growth hormone, GH; auch Somatotropin oder somatotropes Hormon, STH) ist ein Peptidhormon aus 191 Aminosäuren. Gebildet wird es in den somatotropen Zellen des Hypophysenvorderlappens, dem vorderen Teil der Hirnanhangsdrüse. Es fördert das Längenwachstum über die Wachstumsfugen und steuert den Stoffwechsel: Es setzt Fett frei, spart Glukose und baut Eiweiß auf. Einen großen Teil seiner Wirkung entfaltet es indirekt, indem es die Leber zur Bildung von IGF-1 (insulin-like growth factor 1) anregt. Der Bluttest misst die Konzentration des Hormons im Serum mit einem Immunoassay, angegeben in ng/ml oder µg/l; beide Einheiten sind gleich groß. Weil die Ausschüttung in Pulsen erfolgt, ist der Basalwert bei Gesunden oft niedrig oder gar nicht messbar. Deshalb gibt es neben der Einzelmessung Tagesprofile mit mehreren Abnahmen, Stimulationstests bei Verdacht auf Mangel und den Glukose-Suppressionstest bei Verdacht auf Überschuss. Laborwerte sind nur bei gleicher Kalibrierung vergleichbar.
Bedeutung im Stoffwechsel
Die Regelung läuft über eine Achse aus drei Ebenen. Der Hypothalamus gibt GHRH ab, das die Hypophyse zur Ausschüttung anregt, und Somatostatin, das sie bremst. Das Magenhormon Ghrelin wirkt zusätzlich anregend. Das freigesetzte Wachstumshormon lässt die Leber IGF-1 bilden, und IGF-1 meldet an Hypothalamus und Hypophyse zurück, dass genug vorhanden ist. Darüber liegt ein Tagesrhythmus mit den höchsten Spitzen kurz nach dem Einschlafen. Hinein spielen Blutzucker und Ernährung: Ein niedriger Blutzucker treibt die Ausschüttung an, ein hoher dämpft sie, Fasten und eiweißreiche Mahlzeiten regen sie an, Übergewicht senkt sie. In der Pubertät ist die Ausschüttung am höchsten, danach nimmt sie mit dem Alter ab.
Referenzbereich
| Gruppe | Bereich | Einheit |
|---|---|---|
| Erwachsene (Basalwert, morgens nüchtern) | 0 – 8 | ng/ml (= µg/l) |
| Kinder vor der Pubertät | 1 – 10 | ng/ml (= µg/l) |
| Neugeborene | eigene, abweichende Referenzbereiche | ng/ml (= µg/l) |
| Glukose-Suppressionstest (Erwachsene, 75 g Glukose) | Abfall unter 1 (empfindliche Assays: unter 0,4) | ng/ml (= µg/l) |
| Stimulationstest (Verdacht auf Mangel) | Anstieg über 10 schließt einen klassischen Mangel aus | ng/ml (= µg/l) |
Methode & Variabilität: Erwachsene (Basalwert, morgens nüchtern): Immunoassay, Serum; Pulsatile Ausschüttung: bei Gesunden basal oft nicht nachweisbar, nach Schlaf, Sport oder Stress hoch; assayabhängig, laborabhängig. · Kinder vor der Pubertät: Immunoassay, Serum; In der Pubertät höher; Einzelwert zur Mangeldiagnostik ungeeignet. · Neugeborene: Immunoassay, Serum; Das Labor gibt eigene Altersbereiche an; die Werte für Erwachsene und ältere Kinder lassen sich nicht übertragen. · Glukose-Suppressionstest (Erwachsene, 75 g Glukose): GH vor und bis 120 Minuten nach Glukosegabe; Grenzwert assayabhängig und in Fachkreisen umstritten; bei Akromegalie bleibt der Wert hoch oder steigt sogar an. · Stimulationstest (Verdacht auf Mangel): GH-Maximum nach Reiz, z. B. Arginin, Glukagon, Insulin-Hypoglykämie, GHRH; Grenzwerte zentrums- und assayabhängig; manche Zentren und Leitlinien setzen die Grenze für Kinder und Jugendliche etwas niedriger an. Ein fehlender Anstieg kommt auch bei Gesunden vor, deshalb zwei Tests.
Quellen zu diesen Werten: siehe Abschnitt Quellen. Labore verwenden teils abweichende Bereiche; maßgeblich ist Ihr Befund.
Was kann ein erhöhter Wachstumshormon (GH, STH) im Blut-Wert bedeuten?
Häufige Ursachen
- Hormonbildendes Adenom der Hirnanhangsdrüse: die häufigste Ursache eines echten Überschusses. Bei Erwachsenen entsteht eine Akromegalie, bei Kindern vor dem Schluss der Wachstumsfugen ein Hochwuchs (Gigantismus).
- Physiologische Pulse: Tiefschlaf, körperliche Belastung, Stress, Fasten und ein niedriger Blutzucker lassen den Wert vorübergehend stark ansteigen. Das ist kein Krankheitszeichen, sondern der Normalbetrieb der Drüse.
- Mangelernährung oder schwere Lebererkrankung: Hier passt ein hoher Wert oft zu einem niedrigen IGF-1, weil die Leber weniger IGF-1 bildet und die Rückmeldung an die Hypophyse fehlt.
Typische Symptome
- Vergrößerung von Händen, Füßen, Nase, Kinn und Ohren; Ringe und Schuhe passen nicht mehr.
- Kopfschmerzen und Sehstörungen, wenn ein Adenom auf benachbarte Strukturen drückt.
- Vermehrtes Schwitzen, tiefere Stimme, Gelenkschmerzen, gröbere Haut.
Abklärung
Ein einzelner hoher Wert begründet keine Diagnose, weil Wachstumshormon in Schüben ausgeschüttet wird. Der erste Schritt ist IGF-1, das über den Tag stabil bleibt und nach Alter beurteilt wird. Ist es erhöht, folgt bei Bedarf der Glukose-Suppressionstest: Nach 75 g Glukose fällt Wachstumshormon bei Gesunden unter 1 ng/ml, mit empfindlichen Tests unter 0,4 ng/ml; bei Akromegalie bleibt es hoch. Bestätigt sich der Überschuss, klärt eine MRT der Hypophysenregion die Ursache; zusätzlich werden Blutzucker, Herz und Darm untersucht. Warnzeichen: plötzliche heftigste Kopfschmerzen mit Sehverlust oder Bewusstseinsstörung. Dann Notruf 144 oder 112.
Was kann ein niedriger Wachstumshormon (GH, STH) im Blut-Wert bedeuten?
Häufige Ursachen
- Angeborene oder erworbene Unterfunktion der Hirnanhangsdrüse: Fehlbildungen, Tumoren, Operationen oder Bestrahlung im Bereich von Hypophyse und Hypothalamus, seltene Genveränderungen (GHRH-Rezeptor, Pit-1, Prop-1).
- Wachstumshormon-Resistenz: Beim Laron-Syndrom ist der Rezeptor defekt. Wachstumshormon ist dann normal oder hoch, IGF-1 niedrig, das Wachstum trotzdem gestört.
- Übergewicht und erhöhter Blutzucker dämpfen die Ausschüttung, ebenso ein Überschuss an Glukokortikoiden. Niedrige Werte beweisen hier keinen Mangel; auch Stimulationstests fallen dann schwächer aus.
Typische Symptome
- Kinder: verlangsamtes Längenwachstum, kleine Körpergröße, verzögerte Pubertät.
- Erwachsene: Müdigkeit, verminderte Muskelmasse, geringe Knochendichte.
- Bei Ausfall weiterer Hypophysenhormone: Zeichen von Schilddrüsen- oder Nebennierenunterfunktion, Zyklusstörungen, nachlassende Libido.
Abklärung
Ein niedriger Basalwert ist bei Gesunden normal und beweist nichts. Bei Kindern zählen Wachstumskurve und Wachstumsgeschwindigkeit, dazu IGF-1 und IGFBP-3 sowie das Knochenalter im Röntgenbild der Hand. Bleibt der Verdacht, folgen Stimulationstests mit zwei verschiedenen Reizen; ein Anstieg über 10 ng/ml schließt einen klassischen Mangel aus. Vorher werden Schilddrüsenfunktion und Ernährungszustand geklärt. Bei bestätigtem Mangel folgen eine MRT der Hypophyse und die Prüfung der übrigen Achsen: Cortisol, TSH, fT4, LH, FSH, Prolaktin. Warnzeichen einer Hypophysenkrise sind Erbrechen, Kreislaufkollaps und Verwirrtheit. Dann Notruf 144 oder 112.
Verlauf unter Therapie
Wachstumshormon kreist nur kurz im Blut; seine Halbwertszeit liegt im Minutenbereich. Deshalb bildet jede Blutprobe nur den Moment ab: zwischen zwei Pulsen kaum nachweisbar, mitten in einem Puls hoch. Ein Tagesprofil mit mehreren Abnahmen oder ein Funktionstest ersetzt den Einzelwert. Für den längerfristigen Verlauf eignet sich IGF-1, das über den Tag stabil bleibt und auf Veränderungen der Wachstumshormon-Wirkung mit Verzögerung reagiert. Nach einer Operation an der Hypophyse wegen Akromegalie wird der Erfolg deshalb nicht am Tag danach, sondern einige Wochen später an IGF-1 gemessen; unter medikamentöser Behandlung erfolgen Kontrollen in Abständen, die das Behandlungsteam festlegt. Bei Kindern mit Verdacht auf Mangel ist die über Monate dokumentierte Wachstumsgeschwindigkeit das wichtigste Verlaufsmaß.
Präanalytik: was den Wert beeinflusst
Die Blutabnahme erfolgt morgens, nüchtern und in Ruhe aus einer Vene; gemessen wird im Serum. Am Vorabend und am Morgen sollten Sie auf anstrengenden Sport verzichten, weil körperliche Belastung und Stress Pulse auslösen. Ein kurzer oder gestörter Schlaf verändert das Bild, denn die stärkste Ausschüttung folgt dem Einschlafen. Essen wirkt in beide Richtungen: Zucker und ein hoher Blutzucker drücken den Wert, eiweißreiche Kost und Fasten heben ihn. Bei Funktionstests wird die Kanüle oft schon vor Testbeginn gelegt, damit die Aufregung der Abnahme nicht in die Messung fällt; die Proben werden dann über zwei Stunden in festen Abständen genommen. Übergewicht dämpft die Ausschüttung, Glukokortikoide und andere Hormonpräparate können sie verändern. Nennen Sie deshalb alle Medikamente. Ein Stimulationstest mit Insulin wird nur unter ärztlicher Überwachung durchgeführt, weil er gezielt einen Unterzucker erzeugt.
Wachstumshormon (GH, STH) im Blut: Konstellation mit weiteren Blutwerten
Wachstumshormon wird fast nie allein gelesen. Hoher Wert und hohes IGF-1 passen zu einem echten Überschuss, der mit dem Glukose-Suppressionstest bestätigt wird. Hoher Wert bei niedrigem IGF-1 spricht für eine Resistenz: Mangelernährung, Lebererkrankung, Rezeptordefekt. Niedriger Wert bei normalem IGF-1 ist ein häufiger Befund und bedeutet meist nur, dass die Probe zwischen zwei Pulsen abgenommen wurde. Niedriger Wert bei niedrigem IGF-1 macht einen Mangel möglich, der mit Stimulationstests geprüft wird; vorher werden Schilddrüsenunterfunktion und Mangelernährung als Störgrößen ausgeschlossen. Glukose und HbA1c gehören dazu, weil ein Überschuss den Zuckerstoffwechsel stört und ein hoher Blutzucker umgekehrt die Ausschüttung dämpft. Cortisol, TSH, fT4 und Prolaktin zeigen, ob die übrigen Hypophysenachsen mitbetroffen sind.
- igf-1 — Stabiler Vermittler der Wachstumshormon-Wirkung; erster Test bei Verdacht auf Überschuss oder Mangel.
- glukose — Hoher Blutzucker dämpft, niedriger treibt die Ausschüttung an; Grundlage des Suppressions- und des Insulintests.
- hba1c — Zeigt, ob ein Wachstumshormon-Überschuss den Zuckerstoffwechsel bereits dauerhaft verändert hat.
- cortisol — Nebennierenachse der Hypophyse; wird bei Mangel mitgeprüft, ein Glukokortikoid-Überschuss senkt Wachstumshormon.
- tsh-wert — Schilddrüsenachse; eine Unterfunktion verfälscht Stimulationstests und wird vorher behandelt.
- prolaktin — Weiteres Hypophysenhormon, das bei Adenomen und bei Hypophyseninsuffizienz mitbestimmt wird.
Wichtiger Einordnungshinweis
Einzelwerte sollten nie isoliert betrachtet werden. Für eine belastbare Einordnung sind Referenzbereich, Verlauf, weitere Laborwerte und die persönliche gesundheitliche Situation entscheidend.
Wann sollte ärztlich abgeklärt werden?
Eine ärztliche Rücksprache ist besonders sinnvoll, wenn Werte deutlich außerhalb des Referenzbereichs liegen, Beschwerden bestehen oder mehrere auffällige Laborparameter gleichzeitig auftreten. Auch unklare oder wiederholt veränderte Verläufe sollten medizinisch eingeordnet werden.
Komplette Blutbefund-Einordnung statt Einzelwert
Wenn Sie Ihren gesamten Befund verständlich einordnen möchten, zeigt die vollständige Einordnung neben Einzelwerten auch mögliche Zusammenhänge zwischen mehreren Parametern.
Zur vollständigen Blutbefund-EinordnungHäufige Fragen zu Wachstumshormon (GH, STH) im Blut
Was ist ein normaler Wachstumshormon-Wert?
Orientierend bei Erwachsenen 0 bis 8 ng/ml, bei Kindern vor der Pubertät 1 bis 10 ng/ml, nüchtern am Morgen gemessen. Weil das Hormon in Schüben ausgeschüttet wird, liegt ein Einzelwert bei Gesunden oft nahe null oder vorübergehend hoch.
Warum ist ein einzelner Wachstumshormon-Wert so wenig aussagekräftig?
Die Hypophyse gibt das Hormon pulsartig ab, am stärksten im Tiefschlaf. Zwischen den Pulsen ist es kaum messbar. Dieselbe Person kann morgens einen niedrigen und zwei Stunden später einen hohen Wert haben. Deshalb werden IGF-1 und Funktionstests herangezogen.
Was ist IGF-1 und warum wird es statt Wachstumshormon gemessen?
IGF-1 wird in der Leber unter dem Einfluss von Wachstumshormon gebildet und vermittelt dessen Wirkung. Seine Konzentration schwankt über den Tag kaum, deshalb ist IGF-1 das Maß für die durchschnittliche Wachstumshormon-Wirkung, nach Alter beurteilt.
Wie läuft ein Wachstumshormon-Test ab?
Beim Stimulationstest wird ein Reiz gesetzt, zum Beispiel Arginin oder Glukagon, und das Hormon über etwa zwei Stunden mehrfach gemessen. Beim Suppressionstest trinken Sie eine Glukoselösung, danach wird alle 30 Minuten über zwei Stunden Blut abgenommen und geprüft, ob der Wert abfällt.
Steigt Wachstumshormon durch Sport, Schlaf oder Fasten?
Ja, kurzfristig. Belastung, Tiefschlaf, Fasten und ein niedriger Blutzucker lösen Pulse aus; Übergewicht und ein hoher Blutzucker dämpfen sie. Diese Schwankungen sind normal und sagen nichts über einen Mangel oder Überschuss aus.
Quellen
- Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (gesundheit.gv.at) (2025): Wachstumshormon (HGH) – Laborwerte-Tabelle. https://www.gesundheit.gv.at/labor/laborwerte/hormone-tumormarker/labor-wachstumshormon-hgh2.html
- DocCheck Flexikon (2025): Somatotropin. https://flexikon.doccheck.com/de/Somatotropin
- MSD Manual Professional Edition (2025): Gigantism and Acromegaly. https://www.msdmanuals.com/professional/endocrine-and-metabolic-disorders/pituitary-disorders/gigantism-and-acromegaly
- MSD Manual Professional Edition (2026): Growth Hormone Deficiency in Children. https://www.msdmanuals.com/professional/pediatrics/endocrine-disorders-in-children/growth-hormone-deficiency-in-children
- MedlinePlus, U.S. National Library of Medicine (2024): Growth Hormone Tests. https://medlineplus.gov/lab-tests/growth-hormone-tests/
- Giustina A, Biermasz N, Casanueva FF et al.; Pituitary (14th Acromegaly Consensus Conference) (2023): Consensus on criteria for acromegaly diagnosis and remission. DOI 10.1007/s11102-023-01360-1. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10837217/
- MVZ Clotten, Labor Dr. Haas, Dr. Raif & Kollegen, Freiburg (Limbach Gruppe) (2017): Laborfunktionstest GHRH-Test – Prüfung der somatotropen Partialfunktion des Hypophysenvorderlappens. https://www.mvz-clotten.de/fileadmin/user_upload/Freiburg/Laborinfos/Funktionsteste/GHRH-Test.pdf